Filme nur in Deinem Kopf

November 29, 2006

Ist es nicht seltsam, dass man manche visuellen Erfahrungen machen kann, die niemals gesehen wurden noch gesehen werden? Aber spannend ist es und Grenzen gibt es nicht und es macht Freude, sich Bilder “in den Kopf” zu setzen. Nach flapsigen Geplapper mit Kumpels und daraus resultierenden Anreizen zu einer merkwürdigen Story fang ich einfach an. “einfach Anfangen. eine gute Idee braucht keinen Diplom” Aber wohl Geld, und das ist knapp. So, nicht abschweifen, bei der Sache bleiben…

Es ist stockfinster an der felsigen und kargen Küste. Das Wasser klatscht auf das Gestein, das sich dem Wasser hartnäckig zu widersetzen scheint. Mehrere dunkle Gestalten rennen den weniger steinigen Küstenabschnitt herab und holen schnell, aber ohne Hast und in eingeübten Bewegungen ein schwarzes Schlauchboot hinter einer Ausbuchtung hervor, die zuvor gar nicht ins Auge fiel. In langsamen Bewegungen schlagen die Wellen wieder und wieder auf das Gestein der Küste. Ein- zwei Handgriffe und Juri hat den Knoten an dem das Boot befestigt war, vom Stein gelöst. Mahmoud steht da, man sieht nur seine Silhouette, er sieht unwirklich aus. Wenn man ihn aus dem inneren der Ausbuchtung betrachtet, wie er das Tarnnetz löst, kann man das sanfte Lächeln in seinem Gesicht vernehmen. Das Auge passt sich der Dunkelheit an. Bald wird das nicht mehr so sein, bald geht die Sonne auf, dann werden wir unterwegs sein. Mein Befehl ist nur ein Nicken, Worte brauchen wir schon lange nicht mehr, die Aufgaben sind bekannt, zu lange sind wir im Geschäft. Tatjana und Elena haben bereits die leichte Ware herangeschafft. Der Weiße Staub aus Columbien und Afghanistan. Wir machen aus dem Weißen Staub einen Schimmel mit Flügeln. Ein Pegasus. Seit dem Beginn meiner Karierre in der Logistik zeit- und sicherheitskritischer Objekte kann ich den inneren Stress nur durch einen gewissen Eigenkonsum bändigen. Dann ist jedesmal der Zeitpunkt gekommen, da flammt der Gedanke an den Schimmel wieder auf. Ein weißes Pegasus entkommt einem glitternd und glitzerndem, erstaunlich schönen, aber tödlichen Feuermeer. Feuer, ja, das ist unsere schwere Ware und unsere Bestimmung. Die Verteilung übernimmt Mahmoud, er kennt sich in landestypischen Gepflogenheiten, wie diesem Hin- und Herdiskutieren, bis man den Preis hat, und selbstverständlich, in der Sprache aus. Libanesisch ist ja nichts für Anfänger. Ich bin der Boss. Das wissen sie, ich hab den Draht nach Oben, zu Leuten, die Leute kennen. Weißrussland liefert gute schwere Ware. Gefragt sind vor allem günstige Raketen und jede Menge Gewehre. Deshalb hab ich mir diese Nacht- und Nebelaktion ausgedacht. Im Grunde nichts Neues- altbewährt und es klappt doch jedes Mal. Bei der Gelegenheit nimmt man je nach Beladung auch leichte Ware mit. Der Zeiger tickt, es ist still, ich hab die Uhr, das Boot ist zu Wasser gelassen, wir stehen nebenbei ich nicke in die Runde. Es gilt. Juri startet den Außenborder und Elena hüpft mir auf den Schoß- sie heizt die Konkurrenz zu Tatjana an, die zuletzt meine Gunst erworben hatte. Dabei kommt das Schiff fast in Schlingerbewegungen, als Tatjana zum Gegenangriff ansetzt. Dieser wird von mir durch einen Grunzlaut unterbrochen, der die Stille durchbricht. Tatjana schmollt. Der Wind schneidet ins Gesicht, wir sind schon ein gutes Stück im Wasser, die Felsen sind nunmehr im Zusammenhang als Küstenmassiv zu erkennen. Kein Wunder, dass hier niemand vorbeikommen will. Viele tüchtige Seemänner hat Ihr Leichtsinn hier das Leben gekostet, bei mir ist das die geringste Gefahr. Die Mädels sind wieder aktiver, sie küssen sich zärtlich, um dann gemeinsam auf mich umzusteigen. Wir sind in tieferem Gewässer, ich übernehme das Steuer, Seichtes war noch nie mein Ding. Juri schaut eifersüchtig zu mir Herüber, als Ihn mein Blick trifft, ist er wieder der alte, winselnde, treue Hund. Mahmouds Träume, denke ich mir immer, sind voller arabischer Jungfrauen. Wenn er dereinst sein eigenes Sultanat gegründet hat, das sagt er, würde er sich ein Harem der schönsten Frauen des ganzen arabischen Subkontinents aufbauen. Er sei ein Frauenfreund, keine seiner Frauen würden zu kurz kommen. Juri ist da anderer Meinung. Er hat eine Frau, auf die ist Verlass, die liebt Ihn- und hat keine Ahnung, was er da so die ganze Zeit mit unseren Transporten ausheckt. Ich hab gelernt, meine Moralvorstellung der polischen und wirtschaftlichen Lage anzupassen. Seitdem läuft das Geschäft und die Gewinne sprudeln. Ich bin der harte Hund, mein Ruf ist dermaßen hart, dass sich niemand traut, mit mir ins Gespräch zu kommen, da Informationen über mich tödlich sind. Und sind wir Menschen nicht alle gleich? Wir hängen an unserem Leben bis- vielleicht eines Tages, wir früher als nötig, hängen, aber nicht mehr am Leben. Am Horizont ist die Sonne aufgegangen, orange, violette und blutrote Töne schimmern über das Schwarze Wasser. Ein leichter Nebel hüllt die libanesische Küste ein. Tatjana legt eine Line und Elena reicht mir mein kleines Stück Elfenbein, ich ziehe. Es geht mir gut, die Mädels tun es mir nach, die Sonne scheint viel mehr Rot, das Meer ist Rot, es flattert. Nein, das sind Rotoren. Die IDF hat uns entdeckt, ich gebe Vollgas, Elena und Tatjana schmiegen sich an mich. Juri schreit, Mahmoud packt die Gewehre aus, die Wellen klatschen an unser Boot. Meine Sonnenbrille sitzt, ich habe das Gefühl, ich könnte noch ne Prise vertragen. Ein Blick genügt und Tatjana legt wieder ne Line, gibt mir das Elfenbeinstück. Elena hat sich auch eine gelegt, fällt aber mit einem Ruck zur Seite. Das war ein Treffer, dacht ichs mir doch, die pfeifenden Geräusche sind von Schüssen, oder war das Boot am Sinken? Ich zieh mir noch eine rein, und ich lache Tatjana an. So ist das in unserem Geschäft. Deshalb sitze ich am Steuer. Festhalten, das gibt einen Zickzack- Kurs. Mahmoud gibt die Gewehre weiter und packt eine Panzerfaust aus. Juri konnte seine guten Vorsätze nicht halten und ißt die frischen Pilze aus Südamerika. Kurz darauf schreit er nur noch hysterisch rum und spielt mit der toten Elena. Er nimmt Ihre Hand, spricht Sie mit dem Namen seiner Frau an, gibt sich mit Ihrer Hand Ohrfeigen. Da sehe ich ein graues Schiff auf uns zukommen, eine Schwarz-Rot-Gold- Flagge weht im Fahrtwind. Mahmoud feuert die Panzerfaust, die schlägt ein und produziert auf dem Boot wohl echtes Erstaunen. Wir befinden uns wieder im Flammenmeer, doch irgendwie lahmt der Pegasus heute. Schlag kräftig mit Deinen Flügeln, mein junger Schimmel! Nur kurz sehe ich, dass sich vom Kampfhubschrauber der Israelis eine Rakete gelöst hat. Der Einschlag ist wuchtig, ich höre nichts. Aber meine Sonnenbrille sitzt. Ich gehe im Strudel unter, überall um mich Wasser. Ich versinke im Flammenmeer, unser Pegasus ist vekohlt, ich schaue das Boot an und bemerke, dass es schwarz ist. Feuer ist unsere Bestimmung. Wir haben kein weißes Pferd. Einen Rappen haben wir, ich bin der schwarze Reiter und gehe unter. Oder auch nicht. Ich finde mich wieder vor einem perlenden Bitter- Lemon- Glas, in das ich im Tagtraum hineinstarre. So ist das in unserem Geschäft.

3 Responses to “Filme nur in Deinem Kopf”

  1. maripu Says:

    völliges durcheinander; wirr warr; so wie ein Traum eben ist ;-) Ergebnisse eines “cold turkey”? :-D Es ist schwierig einen Traum in Worte zu fassen… von daher: gut gelungen!

  2. Uwe Says:

    Hi Jo,

    sehr geil, ich hab die Bilder noch/wieder im Kopf.
    Ich sag nur “Aber meine Sonnenbrille sitzt”.
    :-)

  3. Patricia Says:

    Sehr gut.Interessante Gedanken…Naja, in dem Kopf jedes Menschen könnten ja verschiedene “Filme” auftauchen.Das menschliche Denken hat keine Grenzen.Und das finde ich schon gut.Danke.


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